Wer lernen will, ist willkommen

Was ist Shinson Hapkido? Woher kommt diese Kampfkunst? Und was macht man da überhaupt? Dies ist der zweite Teil (hier der erste Teil) eines Interviews mit Sabomnim Uwe Bujack über die Bedeutung, die Geschichte und darüber wer was warum trainiert. Das Interview führte Kirsten Rick im Juni 2015.

Der Begründer von Shinson Hapkido

Wie ist die Geschichte von Sonsanim Ko Myong, der das System Shinson Hapkido entwickelt und nach Deutschland gebracht hat?

Sonsanim Ko Myong kam in ein buddhistisches Kloster geschickt, mit sechs Jahren. Er ist immer mal wieder abgehauen, es war kein schönes Leben im Kloster. Mit 12 oder 13 hat er angefangen, Kampfkunst zu lernen, intensiv, bei verschiedenen Lehrern. Er hat versucht, aus drei Quellen was zu bauen. Erstens aus dieser Kampfkunstrichtung, dem Hapkido. Zweitens hat er den medizinischen Zweig, die Lehre von den fünf Elementen, die Lehre von den drei Lebenskräften, mit hineinzunehmen und viele Techniken stärker auf Akupunkturpunkte, auf Meridianwirkung zu fokussieren. Und destruktive Sachen rauszunehmen. Die Hebelwirkung bleibt, die destruktive Wirkung wird aufgegeben, dafür wird die Gesundheitswirkung, die Akkupressurwirkung verstärkt. Als Drittes ist die Meditation dazugekommen. Sonsanim Ko Myong hat bei dem berühmtesten buddhistischen Meister Koreas gelernt, Chong Hwa. Der ist solange er lebte diese Autorität gewesen, vielleicht wie der Dalai Lama bei den Tibetern. Aber Sonsanim Ko war der Meinung: Ich darf nicht im Kloster bleiben, ich muss zu den Menschen.

Das ganze hieß früher Kungjungmusul Hapkido, das heißt „die geheime Kampfkunst des königlichen Hauses“. Sonsanim hat das bewusst geändert. Seine Idee war, Techniken, Wissen, Know How, das elitär tradiert war, allgemein verfügbar zu machen, zu verbreiten. Er hat aber gemerkt, dass die Verwurzelung oder die Rückführung auf die historische koreanische Wurzel immer wieder das Koreanische hineintransportiert – und das ist natürlich für Europäer so: es bleibt etwas Fremdes. Da hat er überlegt: Was ist eigentlich vor diesem Königlichen gewesen? Wenn man, egal in welcher Kultur, immer weiter fragt: Was war davor? Wo kommt es her? Wo ist die Wurzel?, dann kommt man schnell darauf: Das ist die Auseinandersetzung mit der Natur. Und das ist etwas, das allen Kulturen gleich ist. Deshalb ist Shinson Hapkido zwar in Korea entstanden, ist aber vom Wesen her nicht notwendig etwas Koreanisches, sondern das kann jeder für sich in seiner Art und Weise nutzen.

Der Inhalt

Was ist der Inhalt von Shinson Hapkido?

Was wir lernen: Die Meditationstradition, die medizinische Tradition und die Kampfkunsttradition. Aber: Das ganze ist nicht einfach irgendwie miteinander vermischt oder zusammengestückelt, sondern es wurde – oder wird, es ist noch nicht ganz fertig – bewusst eine Synthese angestrebt. Man sucht nach den Wurzeln: Von der Ki-Arbeit in der Gesundheitslehre, von den Bewegungen in der Kampfkunstlehre und von dem Geistigen. Man guckt zum Beispiel: Was ist die Wirkung von Meditation? Und da findet man viele Sachen: Atemübungen und gleichzeitig einen spirituellen Aspekt. Den benutzt man, um hinter die Techniken, hinter die Prinzipien zu gucken.

Meditation ist der spirituelle Kern, dann gibt es den medizinischen Mantel, die Energiearbeit, die man sowohl in der Kampf- als auch in der Heilkunst einsetzt und als drittes den Bewegungs-Teil, der erst mal äußerlich am einfachsten anzufassen ist, weil der sehr konkret ist. Aber mit der Zeit führt auch der nach innen. Das heißt: Du machst etwas Äußeres, guckst Dir das an, lernst das und fängst an, das zu trainieren. Und irgendwann beginnst du, das zu verstehen. Und dann bekommst du einen anderen Zugang zu den inneren Lehren, die in der Meditation drinstecken – wenn du eine Fülle von Erfahrungen gemacht hast.

Das kommt dann einfach, wenn ich mich darauf einlasse?

Ja, so sind die Techniken aufgebaut. Wenn man es mal ganz genau sieht, macht ein Weißgürtel nichts anderes als ein Schwarzgürtel oder der Schwarzgürtel macht nichts anderes als ein Weißgürtel. Das heißt: er macht z.B. Handbefreiungstechniken. Aber die verändern sich im Laufe des Lernens. Man lernt, nicht nur mit der Grobmotorik zu arbeiten, sondern mit vielen kleinen Impulsen, mit dem Gefühl, jemanden an eine Grenze zu führen und dann kurz über die Grenze rüberzugehen – so als Potenzial. Diese Verfeinerung, diese Ausarbeitung, die ist das eigentliche Training. Das geht dann in die Breite, aber auch in die Tiefe. Und es ist nicht so, dass man immer mehr drauf packt.

Es geht also nicht um die Masse, die Menge an Techniken?

Genau. Es ist eine Vertiefung und eine Ausarbeitung dessen. Das ist ganz typisch für diese inneren Kampfkünste, wie im Tai Chi auch. Shinson Hapkido hat beides: den inneren und den äusseren Aspekt. In der chinesischer Kampfkunst haben wir zum Beispiel die innere Kampfkunst Tai Chi und die äußere Kampfkunst Kung Fu. Beim Shinson Hapkido ist beides in einem. Das macht es auch so schwierig, das zu lernen.

Die Prüfungen

Wie lange braucht man, bis man einen schwarzen Gürtel bekommt?

Die Dan-Prüfung machen manche schon nach fünf, die meisten aber erst nach acht Jahren. Das ist besser, weil das Lernen so komplex ist.

Und dann sind diese Prüfungen sehr lang, sehr ausführlich, sehr hart.

Im Judo ist es so, dass die Prüfung sehr kurz ist, aber du musst vorher viele Lehrgänge machen. Dann machst du die Dan-Prüfung, die selber ist sehr kurz. Bei uns gibt es dieses ganze Lehrgangssystem nicht, weil es auch keine Wettkämpfe gibt. Es ist ein sehr individuelles Lernen, dazu kommen große gemeinschaftliche Events wie das Sommerlager. Die Prüfung selber ist aber wirklich eine Initation, die über vier Tage geht. Einen Tag Theorie, das sind acht bis neun Stunden Klausur. Das ist schon hart. Und dann drei Tage Praxis – 40 Stunden kommen da zusammen. Dabei wird auch, aber nicht nur die Technik abgefragt. Es geht auch ums Durchhalten, um Aufmerksamkeit, um den Umgang miteinander, darum, in Frustsituationen trotzdem noch eine Haltung zu bewahren. Dadurch bekommt die Prüfung eine Kraft, die über dieses sportliche, hobbymäßige hinausgeht. Sie bekommt eine Bedeutung – und deshalb tun sich viele auch so schwer, das zu machen. Man spürt das sofort. Das macht man nicht so eben nebenbei, weil man noch einen Titel braucht. Das funktioniert nicht.

Schon die Prüfung zum Gelbgürtel dauert einen halben Tag lang. Jede Prüfung ist also ein Initiationsritus?

Ja, genau. Jede Prüfung hat was davon. Man stolpert in eine Dan-Prüfung ja nicht rein, sondern wird herangeführt. Von der technischen Seite aus könnte man auf die Prüfung verzichten. Man könnte sagen: Ich sehe im Training, die Person macht die Technik gut, geht auch mit den anderen gut um, hat gelernt, das kann ich so akzeptieren – dann könnte ich jemandem den Gürtel verleihen. Dann würde aber der Initiationsritus verloren gehen. Denn die Initiation lebt ja davon, dass man gemeinsam anfängt und gemeinsam aufhört. Das etwas gemeinsam erlebt wird, ein Kreis, ein Erlebenskreis. Der Aufbau der Prüfung ist sehr genau ausgearbeitet. Man muss, wenn man prüfen will, über einen längeren Zeitraum studieren, was da eigentlich passiert. Ich habe mich in Prüfungen immer schwer getan, habe auch selber als Prüfer bestimmt schon viele Fehler gemacht. Trotzdem schätze ich die Prüfung sehr. Ich schätze sie sehr als Initiationsritual oder als Reinigungsprozess. Weil ich glaube, es ist wichtig, gesagt zu bekommen: Es ist gut, was du machst. Es ist wichtig, etwas zu erleben, was man sonst nicht erlebt, besonders in unserem Alltag. Wir kennen Prüfungen ja sonst nur als Leistungsnachweis. Und Gemeinschaftserlebnisse, die mit Bewegung zu tun haben und die einen Rahmen haben, werden ja immer seltener. Trotzdem glaube ich, dass so etwas eine große Bedeutung hat. Denn die Leute kommen sich dabei auf eine Art und Weise näher, die schwierig zu beschreiben ist. Man sieht, wie sie sich entwickeln – und nicht nur technisch.

Dies ist Teil 2 von 3, der weitere Teil folgt.